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Ein Tag auf der Ausbildungsfarm von Abbé Edouard in Fara

Montag, 31.03.2008

Frühmorgens brechen wir auf, über ein recht unwegsames Gelände geht es zur Farm, die schon ein ganzes Wegstück außerhalb von Fara liegt. Alleine würden wir das nie finden. Die Sonne brennt bereits mit an die 40°. Der Abbé freut sich besonders, dass wir uns entschieden haben, mal einen ganzen Tag gemeinsam mit den Kindern zu verbringen, nicht nur wie sonst bei unseren Reisen üblich eine kurze Stippvisite. Ein Spender hat uns für den heutigen Tag noch 100,-- Euro mitgegeben, damit wird es heute ein wahres Festmahl geben.

 

Schweißnass und etwas durchgerüttelt kommen wir an und werden gleich von Judith und einer anderen Ausbilderin begrüßt. Judith kenne ich schon jahrelang, sie zeigt mir auch gleich die Abrechnung der Einkäufe für die 100,-- Euro. Die andere Frau ist hochschwanger, jeden Moment könnte das Baby kommen. Aber es ist ihr drittes Kind und sie macht sich keine Sorgen, sondern arbeitet ganz normal mit.

Es ist Montag früh, die Kinder sind von ihrem Wochenende bei Verwandten zurückgekommen. Jetzt steht aufräumen, sauber machen und fegen auf dem Programm. Fegen muss immer sein, denn  Staub und Sand sind allgegenwärtig. Die Kinder sind alle ziemlich verlumpt, das gibt es kaum ein Kleidungsstück ohne Löcher.

 

Wir machen zuerst einen Rundgang über das Gelände. Durch die schlimmen Überschwemmungen vom letzten Herbst hat es auch hier enorme Schäden gegeben. Die in einfacher Lehmbauweise erstellten Hütten und Stallungen sind zusammengebrochen und nicht mehr benutzbar.

Notdürftig mit einfachem Weidenzaun sind die Tiere nun untergebracht, da sollen nach und nach Stallungen gebaut werden, Ein neuer Rinderstall soll Platz für 12 Tiere bieten, eine Tränke haben und ein Dach bekommen. Diese Arbeiten werden großteils von den Kindern gemeinsam mit einem fachkundigen Betreuer erledigt.

Nebenbei erfahren wir, dass ab und zu  mal eine Ziege und vor Weihnachten sogar viele Hühner verkauft wurden. So konnten sie bereits eigenes Geld erwirtschaften.

Die Schlafräume der Kinder sind sehr beengt, über einer Wäscheleine hängen die wenigen Kleidungstücke der Kinder, in der Ecke sind die Schlafmatten deponiert. Wir fragen uns wie da jeweils 12 Kinder einen Platz finden sollen. Der Abbé will zusätzliche Schlafräume bauen.

Ein Wasserturm soll auf das Gelände kommen um dann punktgenaues Gießen praktizieren zu können. Dafür sind schon überall Gräben ausgehoben. Mit welch einem Einsatz und mit welch einer Motivation gehen da die Kinder ans Werk. Die Lateriterde ist knochentrocken und steinhart.

Die über 400 Mangobäume haben glücklicherweise die Überschwemmungszeit gut überstanden und hängen voll mit Mangos. Es sind so unvorstellbar viele Mangos, die von den Kindern per Hand abgepflückt werden. Leider verderben die Mangos sehr schnell, so wäre es wünschenswert, eine Möglichkeit zu haben, diese Mangos zu vertreiben. Aber mit dem Eselskarren allein ist das nicht möglich. Der Abbé bedauert sehr, keinen Kleinlastwagen zu haben. Klar verstehe ich die Einwände aus Aachen, die dem Kauf eines „camions“ nicht zugestimmt haben. Aber hier vor Ort sieht vieles anders aus: das wäre echt toll, wenn die Kinder die Mangos ernten und dann auf den Markt transportieren könnten. Damit könnten sie etwas verdienen, würden den Zusammenhang zwischen Arbeit und Geld erkennen und könnten vielleicht irgendwann mal autonom werden. So würde die Anschaffung eines Fahrzeuges also doch direkt den Kindern zukommen.

Unser Rundgang wird lang und länger, an die Mangoplantage schließt sich noch nicht bewirtschaftetes Gelände an. Hier sollen „acachout“-Bäume (Frucht sieht aus wie ein Apfel, schmeckt etwas säuerlich. Obendrauf wächst noch etwas nussartiges, was man zum Kochen verwenden kann) gepflanzt werden.

Der Gemüsegarten steht sehr gut da, es gibt Auberginen, Zwiebeln, Kraut, Gombo und vieles mehr.

Im Nähraum stehen 2 Nähmaschinen und wir sehen hübsche Nähstücke.

Die Toilettenhäuschen sind neu, um sie auch richtig zu benutzen hängt außen eine „Gebrauchsanweisung“ an der Tür.

 

Unser Rundgang ist beendet und wir setzten uns zu den Kindern um Gemüse zu schnipseln. Für das Festessen heute werden Zwiebeln und Auberginen kleingeschnitten und gewaschen.

Einige Buben sind mit den Rindern in den Busch gegangen, damit die Tiere dort noch die einen oder anderen Halme abknappern können.

 

Im Unterricht zeigen uns die Kinder ihr Können. Stolz sind sie, dass sie bereits so viel in französisch verstehen. Aber die Leistungsunterschiede der Kinder sind enorm. Bei manchen Kindern merkt man sofort, dass sie gar nicht verstehen, um was es geht. Und dann gibt es z.B. da den pfiffigen Kirassey. Immer wird er gefragt und um Übersetzungen gebeten. Ich frage mich, was schlimmer ist, hier ein guter oder ein schlechter Schüler zu sein. Gut zu sein und vielleicht keine Möglichkeit zu haben aus diesem Kreislauf rauszukommen, scheint mir momentan das größere Übel. Ich spreche den Abbé an, klar versucht er immer, bestimmten Kindern eine Ausbildung zukommen zu lassen. So sind derzeit 8 Jungs und 8 Mädchen außerhalb in Ausbildung. Ich hoffe, dass auch für Kirassey der richtige Platz gefunden werden kann.

 

Dank der Spende gibt es heute ein üppiges Mittagessen. Reis, Fleisch und Gemüsesoße. Die Kinder sitzen in Gruppen im Schatten, essen gemeinsam aus einer großen Schüssel. Sie vertilgen Unmengen, sie essen sich so richtig satt.

Nach dem Essen wird das Geschirr gespült, dann ist Mittagspause bei brütenden 45°. Wie überall wird ein Fußball herausgeholt, der Kinder liebstes Spiel. Wir laden die Kinder in den Klassenraum ein, spielen Kasperle vor und singen deutsche Bewegungslieder. Freude pur!

 

Ab 15.00 Uhr geht es ans Gießen. Jeder Tropfen Wasser muss hoch gepumpt werden. Eimer, Kanister, Schubkarren werden gefüllt und zu dem etwa 50m entfernten Garten gebracht. Wir sind nach 3 Ladungen kaputt, aber die Kinder schaffen stundenlang. Einmal kommt ein Mädchen und beschwert sich darüber, dass ihr ein Junge den Kanister abgenommen hat. Statt sich auszuruhen, will sie weiterarbeiten. Über 3 Stunden lang gießen die Kinder und man kann wirklich sagen, das ist Schwerstarbeit.

Mittlerweile werden die Rinder und Ziegen zum 2. Mal in den Busch geführt, das dauert wieder ca. 1 1/2 Stunden und immer noch ist es brütend heiß.

 

Um 18.30 Uhr ist es dunkel, die Arbeiten für heute sind erledigt und die Vorbereitungen für das Fest sind getroffen. Beim „Tischgebet“ wird dem Spender für das üppige Abendmahl gedankt. Nochmals essen sich die Kinder satt, freuen sich danach über unsere spendierten Kekse und Bonbons. Es ist heute ein Fest wie Weihnachten, alle sind so glücklich.

 

Morgen wird es hier weitergehen, bis Samstag. Am Samstagvormittag erhalten die Kinder ein Stück Seife und müssen dann ihre Kleidungsstücke waschen. Danach gehen sie zu ihren Verwandten nach Hause. Obwohl, zu Hause sind sie hier auf der Farm, und wenn es nach ihnen ginge, würden sie auch das Wochenende hier verbringen. Aber sie sollen ihre Wurzeln nicht ganz verlieren, und das ist sicher sinnvoll.

 

Am Ende eines langen Tages frage ich mich, woher kommt die ganze Motivation der Kinder und der Betreuer. Es ist fast unglaublich, was hier ständig geleistet wird. Es ist sicher die einzigartige Atmosphäre von hier, hier haben ganz viele ihren Wirkungskreis und ihre Familie gefunden. Jeden Moment spürt man, wie wohl sich die Kinder hier fühlen, wie sie angenommen sind, jedes Kind für sich mit seiner eigenen Persönlichkeit. Es ist die Freundlichkeit des Abbé, wenn er die Kinder begrüßt, immer ein gutes Wort parat, immer Interesse am anderen.

Und genau das Gleiche widerfährt uns, wir sind hier voll und ganz akzeptiert und angenommen als Mensch in unserer Eigenart und Verschiedenheit.

Hier wird Christentum wahrlich praktiziert!

 

Helga Winkenbach